Situations, Segues & Encounters“ – GemAlde von Pierre Merkl
Interview mit Pierre Merkl von Robert McDonald

Robert McDonald ist ehemaliger Kurator des Laguna Beach Museum of Art und des La Jolla Museum of Contemporary Art. Seine Schriften als Kunstkritiker sind in der Los Angeles Times, im San Diego Magazine, in Artweek sowie in zahlreichen Büchern und Ausstellungskatalogen (inklusive Christo, Robert Hudson, Morris Graves und William Wiley) erschienen.

Wer sind die Personen in den „Situations”? Freunde? Ich erkenne keine Stars...
Es sind Personen, die ich geschaffen habe, die ich als schnelle Skizzen begonnen und dann als Charakterisierungen echter Menschen weiter entwickelt habe. Sie basieren auf Vorstellungen im Gegensatz zu Modellen, Porträts oder Fotos. Sie widersetzen sich Klischees. Sie strahlen Dramatik aus, wenden sich aber gegen eine Rollenverteilung. Als ich anfing, war ich mir nicht sicher, wo ich meine Bilder herbekommen würde und versuchte, mich auf die unterschiedlichsten Quellen zu stützen – Aktzeichnungen und Medien, vorgefertigte Bilder – aber das klappte nicht, inspirierte mich einfach nicht. Malerei, die auf Fotos basiert, hat einfach nicht genügend Malerei in sich. Ein Teil der Spannung in diesen Gemälden liegt in der Darstellung von ausgedachten oder geschaffenen Personen im Gegensatz zu fotografierten Menschen oder gar Modellen. Sie stellen eine mysteriöse Herangehensweise an Menschen und an Bildnisse von Menschen dar. Mein Ansatz spielt mit Klischees und widersetzt sich ihnen¼ schauspielerisch gesehen ist das Anti-Casting. Es geht viel mehr ums Suchen als ums Erfassen.

Sie sehen nicht immer aus wie echte Personen...
Richtig! Wie in Magrittes „Dies ist keine Pfeife“. Denn es ist ein Gemälde einer Pfeife, und dies sind Gemälde von Menschen. Und sie sind nicht so dargestellt, als seien sie durch eine Linse oder eine Röhre betrachtet oder eine gescannte Simulierung. Es gab weder Make-up oder professionelle Stilisten, keine Beleuchtung oder Bildbearbeitung. Sie stammen nicht aus Zeitschriften oder von Standfotos. Denn wir gucken immer nur auf Personen in Zeitschriften und auf „hergerichtete“ Personen – im Gegensatz zu echten Leuten, deren Blicken wir in der Straße oder im Bus auszuweichen versuchen... Wirklichkeit ist schwer zu erfassen. Es passiert, dass ich Kommentare zu hören bekomme wie „Können Sie nicht attraktivere Leute malen?“...! Wenn Sie sich Leute richtig anschauen, dann werden Sie diese Personen erkennen – meine Personen! [Lacht] Menschen, die Dinge durchmachen, die Dinge tun, die sprechen, zuhören, lachen, ausharren und anderen zunicken. Wir sind an Bilder von posierenden Menschen gewöhnt – das ist ein wichtiger Punkt für mich in diesen Gemälden. Auch einige meiner Personen posieren – das sind die „Ironisten“ im Gegensatz zu den „Aktionisten“ oder den „Sincere-isten“, den Ehrlichen. Obwohl eigentlich natürlich alle meine Personen in Pose gestellt werden... von mir.

Erzählen Ihre „Situations“ Geschichten?
Nein, Geschichten gibt es keine. Diese Gemälde wurden so geschaffen, dass sie figurative Abstraktionen und gleichzeitig Gruppenporträts sind, bei denen sich im Laufe der Arbeit gewisse Wechselbeziehungen zwischen den Figuren entwickelten. Die Gemälde, zehn gibt es davon, sind voller Kompositionen, ein Zusammenfluss von Hals, Velazquez, Pollock und Morris Louis...

sogar Sam Francis, nur ohne Blau... von Gorky... und natürlich Goya. Von Courbet bis Manet – mit einer Portion Mondrian, aber mit einem schwarz umrandeten fragenden Mund in der Ecke anstelle eines schwarz umrandeten roten Rechtecks. Ich hatte in einem Stil gearbeitet, den ich „abstrakten Humanismus“ nannte, und die „Situations“ stellten eine Verbindung dar zu meiner Arbeit mit Figuren und Porträts. Meine „Situations“ sind hauptsächlich unnarrativ, manchmal sogar antinarrativ, besitzen aber gelegentlich doch einige Spuren von Erzählung. Die Mischung war notwendig, um das Narrative zu testen, um das Konzept der „Istoria“ des Renaissance-Schriftstellers Alberti (Anm.: 1404-1492) zu erforschen, um bildnerische Elemente den Höhen und Tiefen des menschlichen Lebens anzupassen, dem Kern der Malerei. Und ich vergesse nie Picassos Motto: „du machst Regeln und du brichst sie“. Spaß muss schon dabei sein¼ zu viel Ernst wird schnell langweilig.

Was oder wer hat die „Situations“ inspiriert?
Es war an einem Sonntagnachmittag im Frühling 2000. Ich nahm in meiner Tagesjobrolle als Privatermittler an einer Konferenz in einer Anwaltskanzlei im 44. Stock mit Blick auf die Bucht teil. Eher ungewöhnlich für einen Sonntag, aber gut. Ca. zehn Opfer eines Betrügers waren da versammelt – ein Kerl aus Australien mit Cowboy-Stiefeln aus Schlangenleder. Die Opfer hatten sich noch nie vorher getroffen und tauschten ihre Erfahrungen aus. Sie saßen an einem Konferenztisch. Einige sprachen rational, andere waren am Lachen, wieder andere erklärten Sachverhalte, die Anwalte hörten zu und machten Notizen¼ einige waren verzweifelt, andere ganz einfach aufgeregt, da zu sein – echt das Beste, was sie sein konnten. Ich wandelte die Szene in eine menschliche Abstraktion um, vor diesem atemberaubenden Panorama... Mit allen Einbildungen, allen offensichtlichen Reaktionen, allem Subtilen, Seltsamen und allen Ausdrucksweisen¼ sie waren wie Rodins Bürger von Calais...

Was sind die Segues?
Segues sind wie Wendepunkte, wichtige und faszinierende Übergänge. Momente zwischen Figuren und zwischen kunsthistorischen Stilen. Sie sind Anfänge, Reaktionen, Wege zu einem möglichen Ende oder zu Endlosigkeit und erfordern Einfühlungsvermögen seitens des Betrachters. Sie enthalten Humor, Beziehungen, Emotionen, Politik – Vermeer bringt das auf seine eigene exquisite Art und Weise zum Ausdruck. Die klassischen und reaktionären bildlichen Themen in der figurativen Malerei sind tiefgründig und bleiben faszinierend¼ und auch anpassungsfähig und jung. Die Impressionisten, Kubisten und „Abstraktisten“ ließen die Menschen in ihrer Eile zurück. Der Umgang mit ihnen ist nicht einfach und macht nicht immer Spaß. Sie wandten sich zum Beispiel von Courbets pummeligen Badenden ab. Jetzt aber, nach all den „-isten“ und „Ismen“, können wir die figurative Malerei wieder aufnehmen – mit neuem Blick und neuer Selbstbetrachtung.

Das komplette Interview (auf Englisch) erscheint auf www.pierremerkl.com.